Wo Weinstöcke wachsen und seltene Pflanzen

 

Der Weinberg im Zuffenhausener Gewann Vorderberg


Selbst eingefleischten Weinzähnen fällt beim Stichwort Stuttgarter Rebensaft nicht gerade zuallererst der Stadtbezirk Zuffenhausen ein. Und doch...


Eine Karte im Umweltbericht der Landeshauptstadt, die besonders wertvolle Biotope verzeichnet, trägt nur wenige rote Flecken; sie stehen für "mit Trockenmauern terrassierte Weinberge von hohem kulturhistorischem, landschaftsästhetischem und bio-ökologischem Wert" - so die korrekte, bürokratisch geschraubte Bezeichnung. In der gesamten Stadt ist es kein Dutzend Weinberge, das diese hohe Wertschätzung der Naturschützer genießt, in Stuttgarts Norden gerade mal ein einziger. Und der liegt - die Feuerbacher mögen verzeihen - in Zuffenhausen. Einige zehntausend Automobilisten fahren lärmend nur wenige Dutzend Meter entfernt tagtäglich vorbei, wenn sie auf der 360-Grad-Brücke zur B 10/B 27-Schnellstraße hinaufeilen.

Zugänglich ist das Gebiet jedoch von dieser Seite nicht. Man nähert sich besser von Norden her, etwa von der Öhringer Straße, denn deren Verlängerung führt direkt am unteren, am westlichen Ende der Weinberge im Gewann Vorderberg entlang. Heiß ist es schon an diesem Hochsommermorgen, die 20 Grad sind längst überschritten. Von einem stahlblauen, wolkenlosen Himmel sticht die Sonne und spendet den Reben ihre Kraft.

Zu Beginn des Weges aber werfen der Berg und sein Bewuchs noch Schatten. Gleich nach dem letzten Haus zieht sich links ein Garten bergwärts, dessen schöne Mauern verraten, dass früher selbst hier, in einer eher benachteiligten Lage, Weinstöcke wurzelten. Erfrischend kühl bleibt es auch noch unterhalb eines Gehölzsaumes mit Esche, Ahorn und verwilderten Obstbäumen, erst recht in der anschließenden hohlen Gasse, die mächtige Eichen überspannen. Mücken tanzen hier in den Sonnenstrahlen, die durch's kräftig grüne Blätterdach fallen.
"Trocken", also ohne Mörtel, haben die Arbeiter einst die Trockenmauer aufgeschichtet, die den Weg nach links, dem Hang zu, sichert. Solche Wände bieten eine Vielzahl von Unterschlupfmöglichkeiten; Spinnen, Bienen und andere Insekten haben sich zwischen den Steinen ihre Röhren, Höhlen und Löcher gegraben, in denen sie den Nachwuchs betreuen oder auf Beute lauern. Rechter Hand ziehen sich gepflegte Gärten hinab.

Und da sind sie auch schon erreicht: die Weinberge, nordwestlichster Teil des Landschaftsschutzgebietes "Schnarrenberg, Krailenshalde". Steile Stäffele führen in ihnen nach oben; Trockenmauern mit einigen speziellen Kräutern und zahllosen Flechten terrassieren das Gelände. In solchen Biotopen gedeihen - auch in Stuttgart - extrem seltene Pflanzen wie Traubenhyazinthe, Färberkamille oder Schriftfarn; ob sie auch in diesen Weinbergen vorkommen, lässt sich allerdings nicht überprüfen, denn fest verschlossene Türen versperren den Zugang.

den Weinstöcken, die schon dicke Trauben tragen, wächst kurz gemähtes Grün. An der Ecke eines Weinbergs ragen verdorrte Wildkräuter auf. War ihnen die Hitze zuviel? Oder hat ein Wengerter gar in die Kiste mit den Herbiziden gegriffen?

Wie auch immer: Bald führt ein gepflasterter Weg links hoch an einem Weingarten entlang. Auf der Schattenseite der "Klamm" glitzern Tautropfen auf Brombeerblättern, im Hang gedeihen Farne, die wuchernden Heckenrosen setzen schon Hagebutten an. Treppen führen nun auf die Hochebene, ins "Land der knatternden Rasenmäher", in intensiv genutztes Gartenland, von dem man einen weiten Blick nach Westen genießt.
Wer nur der Weinberge wegen gekommen ist, der mag nun umkehren, wer einen schönen Spaziergang schätzt, der halte sich oben links. Er kommt dann über den Goldbacher Weg wieder hinunter in den Ort.

Info: Den Zuffenhausener Wein gibts nicht an jeder Ecke. Doch wer sich im Ort ein bisschen umhört, der wird sicher das eine oder andere Fläschchen des begehrten Saftes auftreiben können. Von Ulrich Gohl

Info: Bahnbenutzer fahren mit der Straßenbahn 15 oder der U 5 bis "Zuffenhausen Kelterplatz". Das südöstlich davon gelegene Wohngebiet durchquert man auf Hohenloher, Möckmühler und Öhringer Straße. Parkplätze sind eher rar in dieser Gegend.

(Diese Reportage erschien in leicht veränderter Form erstmals am 6. August 1999 in "Hier im Stuttgarter Norden", der Lokalbeilage von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten".)