Schöner Erfolg einer Renaturierung
Der Schnatzgraben in Wolfbusch
Nach der schwülen Hitze der vergangenen Tage hat das Gewitter der letzten Nacht die Atmosphäre gründlich gereinigt. Noch hängen seine dichte, graue Wolken am Himmel. Die 20 Grad wirken heute angenehm kühl und frisch, die Luft ist klar.
Wer aus dem Wegle von der Straße "Grubenäcker" ins Tal des Schnatzgrabens tritt, kann sich an einem weiten Blick nach links und nach rechts - in Himmelsrichtungen ausgedrückt: nach Ost und nach West - erfreuen. Vor ihm liegt eine gemähte Wiese; ein Schild weist darauf hin, dass das Gras von Weilimdorfer Landwirten geerntet werde und dass deshalb das Betreten zu unterlassen sei. Hinter der Wiese zieht sich ein Band aus einheimischen Gehölzen wie Weide, Esche und Erle und markiert den Lauf des Baches. Dahinter wiederum liegt eine hoch stehende Wiese, die in den Solitude-Wald übergeht.
Man wendet sich zunächst nach rechts, der Solitude-Allee zu. Rechts des Teerweges erstrecken sich von Betonmauern gestützte Hausgärten, bald tritt der Neubau der Seniorenwohnanlage "Bergheimer Hof" ins Blickfeld. Blühendes ist auf der gemähten Wiese kaum auszumachen; Allerweltsarten wie Spitzwegerich und Scharfer Hahnenfuß, Rotklee und Sauerampfer, dazu Wiesenlabkraut und Ackerwinde: Das ist die kärgliche "Ausbeute".
Am Wegesrand gedeihen Brennnesseln üppig und zeigen an, dass der Boden reichlich Stickstoff enthält - wohl Hinterlassenschaft der hier von ihren Frauchen und Herrchen ausgeführten Hunde. An einem Brennnessel-"Busch" fallen mehrere schwarze, handtellergroße "Flecken" auf. Das nähere Hinsehen zeigt: Sie bewegen sich! Jeweils viele Dutzend dunkler, dorniger Schmetterlingsraupen, teils von einem Gespinst umgeben, nagen an den Blättern. Wenn sie sich vollgefressen haben, werden sie sich verpuppen; aus den Puppen schlüpfen noch in diesem Jahr schöne Tagpfauenaugen.
Auch an einem nahen Weidenröschen krabbelt´s. Zwei fingerlange, dicke Raupen bewegen sich gemächlich am Stängel entlang. Mit ihrer bräunlich getigerten Farbe, dem Dorn am Körperende und den auffälligen "Augen" am vierten und fünften Körperring verraten sie ihre Art: Es sind die Larven eines prachtvollen, immer seltener werdenden Nachtschmetterlings, des Mittleren Weinschwärmers. Die "Augen" sollen übrigens gierige Vögel abschrecken.
Das folgende Wegstück säumen mächtige Eschen; kleinere Hainbuchen, Ahornbäume und Eiben mischen sich dazwischen. Links ist bald ein Luzernenfeld zu sehen, über dem ein Dutzend Schwalben im Tiefflug auf Insektenjagd geht. Wo der Weg fast rechtwinklig nach links abbiegt, liegt auf eingezäuntem Privatgrund ein kleiner, von Wasserlinsen bedeckter Teich.
Man nähert sich nun dem Schnatzgraben, hier ein recht naturnahes Gewässer, das nur im Brückenbereich noch Reste der ehemaligen Verbauung ertragen muss. Bis vor wenigen Jahren schoss der Bach in einer Betonrinne zu Tal, ehe ihn die Stadtverwaltung im Jahre 1996 auf einer Länge von 560 Metern renaturieren ließ.
Den schönsten Erfolg dieser Maßnahmen entdeckt man, wenn man den bisherigen Weg zurückgeht, die Einmündung von den Grubenäckern passiert und weiter nach Osten spaziert: Hier liegt ein kleiner See, den ein angelegter Nebenarm des Schnatzgrabens speist. Feuchtigkeitsliebende Bäume wie Weiden, Eschen, Erlen und einige Sträucher säumen den Teich, letzte Heckenrosen blühen. Die kräftig roten Blütenstände des Blutweiderichs und die weißen Blütenquirrle des Uferwolfstrapps strahlen durch's Grün, am Rande des Wassers ragen Röhrichtbestände auf.
Große Libellen, wohl Blaugrüne Mosaikjungfern, flitzen übers Wasser, aufgeschreckt von den Wassertropfen, die ein leichter Wind von den Bäumen schüttelt. Das Geräusch mischt sich mit dem Plätschern des Seitenbaches, der - aus dem Teich kommend - über eine Schwelle wieder dem Schnatzgraben zufließt. Am Picknicktisch und an den von alten Eichen- und Birnbäumen beschatteten Bänkchen beeinträchtigt herumliegender Müll den angenehmen Gesamteindruck. Hier endet, bei der Brücke, der naturnahe Abschnitt des Schnatzgrabens, der anschließend durch bebautes Gebiet im Wolfbusch nach Norden fließt.
Von Ulrich Gohl
Info: Man fährt mit der U 6 oder der U 13 bis zur Haltestelle "Bergheimer Hof" und geht die Solitudestraße etwa 200 Meter nach Südwesten, bis links die Straße Grubenäcker abzweigt. Ihr folgt man rund 150 Meter bis zur 90-Grad-Kurve und geht dann neben den Garagen den kleinen Weg rechts ins Tal hinaus. An der erwähnten Straße gibts einige Parkmöglichkeiten.
(Diese Reportage erschien in leicht veränderter Form erstmals am 13. August 1999 in "Hier im Stuttgarter Norden", der Lokalbeilage von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten".)





