30 Hektar wertvollste Kulturlandschaft
Die Streuobstwiesen im Weilimdorfer Gewann Greutterwald
Hochsommer stellt man sich gemeinhin anders vor. Der Blick auf`s Thermometer signalisieren Pulloverwetter. Eine graue, ununterbrochene Schicht bedeckt den Himmel, unter ihr ziehen rasch weiße Wolken vorüber; es regnet immer wieder. Und das ausgerechnet jetzt, wo's um den Höhepunkt der Natur im Wahlkreis geht: die Streuobstwiesen im äußersten Nordosten Weilimdorfs, im Naturschutzgebiet (NSG) Greutterwald.
Nördlich des Tennisplatzes betritt man das insgesamt 151 Hektar große, im Jahre 1984 ausgewiesene Schutzgebiet, das mit seinen Waldanteilen bis nach Feuerbach, Zuffenhausen und Korntal reicht. Auf den heute vor allem nach feuchter Erde duftenden Wiesen, rund 30 Hektar, fallen derzeit in Blüte stehend vor allem Schafgarbe, Rotklee, Wiesenbärenklau und Wiesenpippau auf. Doch das ist nur eine winziger Auswahl - nicht weniger als 83 verschiedene Arten von Blütenpflanzen haben Experten hier gefunden.
Ein Buchfink pickt Sämereien vom Weg, ein Eichelhäher fühlt sich vom Spaziergänger belästigt und entfleucht Richtung Wald. Schwalben fliegen in Wipfelhöhe umher, jedoch nicht so hektisch, als ob sie auf Nahrungssuche wären; sammeln sie sich etwa schon für ihren herbstlichen Flug nach Süden? Neben diesen noch häufigen Arten sollen hier auch Raritäten wie der Wendehals oder der Pirol zu beobachten sein - und mehrere Dutzend weiterer Spezies.
Auf den Wiesen stehen Obstbäume, knorrige "Veteranen" voller Früchte, aber auch hoffnungsfrohe Jungpflanzen. Um die 1300 Stück sollen es sein - rund 60 Prozent Apfel- und etwa 30 Prozent Birnbäume; der Rest verteilt sich auf Zwetschgen, Kirschen und manch andere Art. Die meisten von ihnen gehören uralten Sorten an, deren Erhalt für die genetische Vielfalt dieser Nutzpflanzen so wichtig ist. Champagner Bratbirne, Pamischbirne, Gelbmöstler, wie die Birnennamen schon klingen. Goldparmäne, Gewürzluike und vor allem Brettacher, das sind hier vorkommende Apfelsorten. Glücklicherweise achten man darauf, dass nur derlei wertvolle Sorten nachgepflanzt werden.
Über die Hälfte aller Bäume besitzt einen Stammumfang von mehr als einem Meter, einzelne bringen es gar auf über zwei Meter. In solchen Riesen - ob noch lebend oder schon abgestorben - gibt es Löcher, Höhlen, Spalten: Wohnstätten für Insekten, Vögel und Säugetiere, etwa für die Fledermäuse. Spezialisten vermuten, dass vier Arten der selten gewordenen Flattertiere, Abendsegler, Zwerg-, Langohr- und Mausohrfledermaus, hier leben. Sie erfreuen sich an "natur-reinem" Futter; Pflanzenschutzmittel, die in Beuteinsekten gelangen könnten, sind im NSG tabu. Eine Hornisse brummt vorbei; auch dieser geschützte, elegante Jäger baut sein Nest in Baumhöhlen.
Immer wieder ändert sich der Anblick der Wiesen, bisher nicht gesehene Arten fallen ins Auge, etwa Wiesensalbei, Witwenblume oder die leuchtend rote Knollenplatterbse. Manche Wiesen tragen kurzgeschoren im Moment keine Blüten, andere stehen hoch. Offenbar werden sie nicht gleichzeitig gemäht - zum Wohle auch der Schmetterlinge, die damit stets eine Nektarquelle finden; 35 unterschiedliche Spezies sollen es alleine in den hiesigen Streuobstwiesen sein.
Inzwischen hat man auf schnurgeradem Weg den Waldrand erreicht. Eiche, Esche, Ahorn und manch andere Baumart bilden einen schönen Waldsaum mit abwechslungsreicher Strauchschicht, ein Bänkle lädt zum Verweilen. Man schlendert nach links, am Waldrand entlang, hält sich nach 200 Metern wieder links und geht auf einem Schotterweg erneut durch die Streuobstwiesen.
Bald taucht rechts ein offenbar angelegtes Luzernenfeld auf, das die Nahrungsversorgung vieler Insekten sichert. Gegenüber hat man Baumschnitt und andere Garten-"Abfälle" aufgetürmt; Brombeeren überwuchern den riesigen Haufen, der zahlreichen Lebewesen Deckung bietet. Links erscheint ein eingezäuntes Grundstück. Erst jetzt fällt auf, was mitverantwortlich ist für den offenen, weiten, freien Eindruck der Gegend: das weitgehende Fehlen solcher Grenzmarkierungen. Das soll jedoch nicht heißen, dass man kreuz und quer über die Grundstücke marschieren darf - oder sich gar an den Früchten vergreifen.
Der Weg geht in die Greutterwaldstraße über, die auf die Tachenbergstraße stößt. Nach zwei erholsamen Kilometern ist dort wieder der Ausgangspunkt der Rundwanderung erreicht.
Von Ulrich Gohl
Info: Ab "Löwen-Markt" in Weilimdorf (U 6 oder U 13) fährt man mit Buslinie 90 oder 95 zur Haltestelle "Greutterstraße". Der folgt man nach Osten bis zur Tachenbergstraße, an deren südöstlichem Ende der Tennisplatz liegt. Dort gibt's einige Parkplätze.
(Diese Reportage erschien in leicht veränderter Form erstmals am 20. August 1999 in "Hier im Stuttgarter Norden", der Lokalbeilage von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten".)



