Ein Juwel des Historismus

 

Die Andreaskirche in Uhlbach

Im äußersten Osten Stuttgarts, hart an der Grenze zur ehemals Freien und Reichsstadt Esslingen, liegt wie in einen Amphitheater aus Rebhängen das alte Weingärtnerdorf Uhlbach. Am Dorfplatz gruppieren sich, wie sollte es anders sein, Rathaus, Kelter und Kirche. Altehrwürdig wirkt das Gotteshaus. Es geht auf eine Kapelle des späten 14. Jahrhunderts zurück, die im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts im Stile der Gotik zur Kirche erweitert wurde. Ihre heutige Form aber erhielt die Andreaskirche im Jahre 1895.Vor allem am spitz aufragenden Turm hatte der Zahn der Zeit heftig genagt. Der Gemeinderat beschloss deshalb eine durchgreifende Renovierung, die natürlich den Modeströmungen der Zeit Rechnung zu tragen hatte. Das damals noch selbstständige Wengerterdorf konnte sich diesen Umbau aber nicht leisten.Da traf es sich günstig, dass der fromme und wohlhabende Textilfabrikant Gottlieb Benger einige Zeit zuvor ein Uhlbacher Mädle, die Luise Currle, liebgewonnen und geheiratet hatte und so in das Dorf im Oberamt Cannstatt gekommen war. Der Luise widmete man später gar die Straße, an der die Kirche steht.

Für die Neugestaltung der Kirche gewann Benger den Architekten Heinrich Dolmetsch, dem zahlreiche Kirchenneu- und -umbauten im Land zu verdanken sind, hierorts etwa die Michaelskirche in Degerloch (Umbau zusammen mit Christian Friedrich Leins 1889-90), die Pauluskirche in Zuffenhausen (1901-03) oder die Markuskirche in Stuttgart-Süd (1906-08).

Dolmetsch setzte auf den alten Unterbau des Turmes ein achteckiges Glockenstockwerk aus massiven Eichenbalken und krönte das ganze mit einer mäßig spitzen Haube aus unterschiedlich glasierten Ziegeln. An der Seite zur Straße fügte er zwei Portalvorbauten an. Der Friedhof erhielt eine zinnenbewehrte Umfassungsmauer.

Die wichtigsten Umbauten betrafen jedoch den Innenraum. Bis auf die Kreuzgiebelgewölbe im Chor und in der Sakristei, letztere vielleicht noch von der ersten Kapelle stammend, veränderte Dolmetsch alles und schuf ein umfassendes Kunstwerk im Stile der historistischen Neugotik. Aus dunklem Holz ließ er die Kirchenbänke, die reich geschnitzte Kanzel, die wuchtige, durch Abstände zwischen den Planken dennoch optisch leichte Empore mit dem Orgelprospekt und die verzierte Vertäferung im Chor fertigen; zum Ort passend ziert jene der Spruch "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben." Gegenüber der Kanzel fand der Bengersche Familienstuhl seinen Platz: Die Stifterfamilie wohnte in einer eigenen, prächtigen Loge dem Gottesdienst bei - wie einst der Ortsadel. Die zeltartig gewölbte Holzdecke zeigt die zwölf Apostel und die zehn christichen Haupttugenden. Den gesamten Kirchenraum ließ Dolmetsch vielfältig ausmalen.

Als den Uhlbachern, dem Zeitgeschmack folgend, dies alles nicht mehr gefiel, übertünchten sie die ganze Pracht. Zum Glück zerstörte niemand die Farbschichten - und so kamen bei der großen Restaurierung 1982 bis 1989 fast sämtliche Malereien wieder zutage. Interessierte können zwischen April und Oktober jeden Sonntag von 14 bis 16 Uhr dieses in seiner geschlossenen Erhaltung weithin einmalige Dokument der Kunstauffassung des späten 19. Jahrhunderts bewundern.

Von Ulrich Gohl

Info: Man fährt mit dem Bus 62 bis zur Haltestelle "Uhlbach" und steht direkt vor der Andreaskirche.

(Dieser Bericht stammt, leicht verändert, aus dem Buch "Gesichter ihrer Zeit ? Unbekannte Stuttgarter Bau- und Kulturdenkmale", das 1992 im Silberburg-Verlag erschienen ist.)