Alte Obstbäume, eingestreut in schöne Wiesen

 

Die Streuobstwiesen im LSG Stammheim-West

Jetzt hat der Sommer doch Einzug gehalten. An diesem frühen Nachmittag nähert sich das Quecksilber unaufhaltsam den 30 Grad, die wenigen Schleierwolken können die Sonnenstrahlen kaum mindern. Da trifft es sich günstig, dass der erste Wegabschnitt - vom westlichen Ende der Münchinger Straße nach links - noch in der Kühle eines Blätterdaches bleibt, hier im Westen der Stammheimer Markung, direkt an der Grenze zu Münchingen.

Während sich also rechts ein abwechslungsreicher Mischwald erstreckt, aus dem frischer Duft strömt, zieht sich links ein Kinderspielplatz mit Tarzanbahn, Sandkasten und allem anderen, was dazugehört. Wo der Weg einen sanften Anstieg überwindet, erkennt man links die ersten Streuobstwiesen. Einst gab es in der Region zahllose solcher Flächen, sie lieferten wichtige Güter: Gras oder Heu für das Vieh, dazu Obst für die Menschen; das verzehrte man frisch, presste es aber auch zu Saft oder Most, trocknete es als wichtigen Wintervorrat oder schlug es zur Schnapsherstellung ein. Daneben lieferten die Bäume Holz zum Heizen oder für den Möbelbau.

Doch der Bedarf an diesen Waren ging zurück oder wurde aus anderen Quellen gedeckt. Zudem wucherten die Dörfer über ihre Grenzen hinaus und drängten in die als Obstwiesen genutzten Bereiche. Die Folge: Der Umweltbericht der Stadt Stuttgart weist neben einigen beeinträchtigten nur noch ein gutes halbes Dutzend weitgehend ungeschädigter Streuobstwiesen aus; eines der größten dieser typischen Biotope er-streckt sich hier, als wichtigster Teil des über 100 Hektar großen Landschaftsschutzgebietes (LSG) Stammheim-West.
Ein Mäusebussard fühlt sich durch den Spaziergänger gestört und fliegt auf. Laut rufend entschwebt er und dreht ein paar majestätische Runden; seine Verwandtschaft antwortet aus dem Forst. Dann lässt er sich in einer der riesigen Eschen nieder, die zusammen mit Ahornbäumen an einer offenbar feuchteren Stelle gedeihen.

Zwischen den knorrigen Obstbäumen stehen immer wieder junge, erst kürzlich nachgepflanzte Exemplare. Die Schildchen beweisen: Die hiesigen Landwirte bauen verantwortungsbewusst alte Lokalsorten an, die ansonsten immer mehr in den Hintergrund rücken. Und von einer guten Zusammenarbeit zwischen Bauern und Naturschützern zeugt auch, dass neben frisch gemähten Wiesenabschnitten Bereiche liegen, in denen die Kräuter in aller Ruhe heranwachsen und aussamen können.

Hier sind zwischen den Gräsern auch bunte Blüten zu entdecken: die violetten des Wiesenstorchschnabels, die gelben des Habichtskrautes oder die weißen der Engelwurz. Um sie brummen einige Hummeln, surren ein paar Schwebfliegen. Wer die Wiese betritt, scheucht Kleinschmetterlinge auf, die oft als "Motten" missachtet werden; eine Gamma-Eule, ein Wanderfalter mit je einem markanten Schriftzeichen auf den Flügeln, flattert vorbei. Auch einige Tagfalter lassen sich beobachten, hauptsächlich Weißlinge. Den meisten Tieren scheint es im Moment jedoch zu heiß zu sein. Bei günstigerer Witterung bekommt man mehr von dem großen Artenreichtum der Streuobstwiesen - vor allem an Insekten und Vögeln - zu sehen.

Dort, wo der Wald endet, nimmt man den grasbewachsenen, von überhängenden Bäumen beschatteten Hohlweg nach links. Hufabdrücke in der teils noch feuchten Erde beweisen, dass hier auch Reiter ihren Weg suchen. Nun ändert sich die Vegetation. Johanniskraut, Witwenblume und Fingerkraut sind zu entdecken, vor allem aber zahlreiche einheimische Sträucher und Bäume wie Haselnuss, Kirsche, Walnuss oder Holunder. Weiter unten beeindrucken die gelben Blütenpyramiden des bis zu anderthalb Meter hohen Gewöhnlichen Odermennigs.

Der Hohlweg geht in einen ebenen Schotterweg über, der geradewegs durch Streuobstwiesen führt. Obwohl es eben bleibt, tritt so langsam der Schweiß aus den Poren. Dem Weg folgt man weiter - vorbei an dem markanten Baumtrio aus Pappel, Weide und Birke - bis zu einem landwirtschaftlichen Anwesen. Vor dem geht's scharf nach links. Am wegbegleitenden Graben gedeihen schöne Bestände des Großen Mädesüß, das die flirrende Luft mit süßem Duft erfüllt.
Bald schon ist wieder die Südspitze des Spielplatzes erreicht. An diesem werktäglichen Nachmittag hat man auf dem etwa anderhalb Kilometer langen Rundweg kaum Spaziergänger getroffen; einige mehr haben's immerhin bis zur "Wirtschaft im Greut" geschafft und in deren Garten nicht nur Mineralwasser oder Weizenbier, sondern auch einen Blick in eine ökologisch wertvolle Landschaft genossen.

Von Ulrich Gohl

Info: Besucher fahren mit dem 15er bis "Stammheim Rathaus" und gehen dann die Münchinger Straße knapp 1,5 Kilometer nach Westen. Autofahrer parken am besten bei der Sporthalle, halbwegs an dieser Straße gelegen.

(Diese Reportage erschien in leicht veränderter Form erstmals am 9. Juli 1999 in "Hier im Stuttgarter Norden", der Lokalbeilage von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten".)