Das Herz der "Kolonie"

Der Teckplatz in Ostheim

Am Teckplatz lässt sich's gut sein, besonders dann natürlich, wenn der hiesige Handels- und Gewerbeverein zu seinem sommerlichen Fest geladen hat. Aber auch an jedem anderen Tag des Jahres ist's gemütlich hier. Behäbige, dunkelrote Backsteinhäuser - jedes zumindest ein wenig anders als das andere - umstehen den Platz, den die um ein Stockwerk höheren Eckhäuser betonen.

Hier haben die Architekten Karl Heim und Karl Hengerer vor gut 100 Jahren wahrhaft mustergültige Arbeit geleistet. Nur wenige Autos stören die Bewohner in dem verkehrsberuhigten Bereich, dort, wo die Neuffenstraße in die Kreuzung der Landhaus- mit der Teckstraße mündet. Man grüßt sich; wer hier vorbeikommt, stellt nicht selten die Einkaufstaschen aufs Pflaster, und dann muss Zeit sein für ein Schwätzle.So ähnlich wird sich das der Bankier und Wohltäter Eduard Pfeiffer (1835-1921) gedacht haben, der als Vorsitzender des "Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen" den Bau der "Kolonie Ostheim" initiirte und zum Teil auch finanzierte. So entstanden zwischen 1891 bis 1903 immerhin 383 Gebäude mit 1267 Wohungen.

Die Arbeiter sollten mehr zu verlieren haben als ihre Ketten; gesunder, heller Wohnraum sollte die bis dahin immense Kindersterblichkeit senken, ganz allgemein das Wohlbefinden der Bewohner erhöhen. Der Teckplatz wurde der Mittelpunkt, der Dorfplatz Ostheims, um den sich die Geschäfte gruppierten. Von 1898 bis in die frühen 1920er-Jahre fand auf ihm der Markt statt; "Wengerter-Weiber", so formuliert's eine alte Quelle, verkauften dreimal wöchentlich Obst und Gemüse.Für den Nationalliberalen Pfeiffer schien der Bau der "Kolonie" auch ein Mittel, den Zulauf zu den Sozialdemokraten in jener Zeit der aufblühenden Arbeiterbewegung zu stoppen. Doch hier täuschte er sich: Ostheim wurde zum Zentrum des geradezu sprichwörtlichen "Roten Ostens". Im August 1913 beispielsweise gehörten exakt 682 Menschen dem sozialdemokratischen Verein Ostheim an - ein Vielfaches dessen, was die SPD heute im gesamten Stadtbezirk an Mitgliedern hat. Während der Weimarer Zeit wählten nicht selten zwei Drittel aller Ostheimer Kommunisten oder Sozialdemokraten. Nach wie vor gilt die Gegend als SPD-Hochburg, wenn auch nicht mehr so ausgeprägt wie früher.

Heute schätzen Experten die Kolonie Ostheim vor allem als herausragendes Beispiel für den frühen Arbeiter-Wohnhausbau. Nicht selten kommen deshalb Besuchergruppen, etwa Architekturstudenten, aus aller Welt hierher. Ihre Kameraobjektive erfassen dann meist auch den wohl hübschesten Ostheimer, den "Jüngling" auf dem Jünglingsbrunnen; ihn schuf der Bildhauer Karl Donndorf im Jahre 1903 anlässlich des zehnten Jahrestages der Vollendung der Siedlung.

Bei so viel Schönheit wundert es nicht, dass selbst Filmleute den weitgehend in ursprünglicher Form erhaltenen Teckplatz schätzen. So ließ der Regiseur Jerry Schatzberg wesentliche Teile der französisch-deutsch-britischen Koproduktion "Der wiedergefundene Freund" (1989), nach der Romanvorlage von Fred Uhlmann und dem Drehbuch von Harold Pinter entstanden, rund um diesen Platz drehen.

Von Ulrich Gohl

Info: Die Stadtbahn U 4 oder die Buslinien 40, 42 oder 56 bringen den Besucher zum "Ostendplatz"; von dort schlendert man die Landhausstraße einige Dutzend Meter in Richtung der weithin sichtbaren Lukaskirche bis zum Teckplatz.