Stuttgarts erster Supermarkt
Der Laden in Wolfbusch
Heute ist es für uns selbstverständlich, mit dem Einkaufswägele durch die Regale des Supermarktes zu schlendern und das Benötigte mit geübter Bewegung ins Drahtgeflecht zu befördern. Tante-Emma-Läden, in denen man noch gefragt wird, was man denn wünsche, gelten den meisten Kunden als nostalgische Relikte aus vergangener Zeit. Bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch stellte hierzulande der Lebensmittelladen mit Bedienung die Regel ohne Ausnahme dar.
Wo anders als in Amerika waren um 1930 findige Geschäftsleute auf die Idee gekommen, die Kauflustigen ihre Waren selbst aus dem Regal nehmen zu lassen. Die Vorteile lagen auf der Hand: Der Laden spart Personal - und damit Geld; die Angestellten mussten nur noch beraten, die Verkaufsständer nachfüllen und kassieren. Doch auch die Einkaufenden hatten etwas von der neuen Verkaufsform: Einerseits konnten die Verkaufer einen Teil der gesparten Personalkosten an die Kunden weitergeben, andererseits verkürzte sich das Warten erheblich, zumindest theoretisch. Die Zeiteinsparung bedeutete vor allem denjenigen viel, die nach der Arbeit noch ihre Einkäufe zu erledigen hatten. Verloren ging dabei allerdings weitgehend das nachbarliche Gespräch bis zum "Wer war der Nächste?"
Im Sommer 1949 öffnete in Hamburg der erster Supermarkt Deutschlands, jener der Konsumgenossenschaft "Produktion", seine Pforten, von Fachleuten mit einiger Skepsis beobachtet. Doch der Erfolg gab dem Konzept recht. So zogen bald Ladenbesitzer in vielen Städten nach, 1950 auch in Stuttgart. Die Stadtchronik vermeldet stolz: "Das Jahr 1950 brachte Stuttgart - vor allem den Stuttgarter Hausfrauen - eine ganz besondere Überraschung: Am 23. November wurde von der Konsumgenossenschaft in der Wolfbuschsiedlung in Weilimdorf der erste Selbstbedienungsladen in Betrieb genommen." Noch heute besteht dieser kleine Pionierladen am Hubertusplatz.
In ihrer Architektur ist die Verkaufsstelle nicht gerade auffällig. Wie viele andere, kurz danach entstandene Selbstbedienungsläden, etwa in Rot, im Stadtbezirk Nord oder in Feuerbach, ist sie Teil eines Wohn- und Geschäftshauses, in dem genausogut ein Laden mit herkömmlicher Bedienung hätte eingerichtet werden können. Denn noch wussten die Verantwortlichen des "Konsum" ja nicht, ob das Selbstbedienungskonzept auch angenommen würde.
1956 hatte sich das System dann durchgesetzt, waren die technischen Voraussetzungen gegeben für den Bau eines Supermarkts, der fast nur zu diesem Zweck nutzbar war. Und so entstand als einzeln stehendes Gebäude der erste "eigentliche" Supermarkt Stuttgarts in der Gerokstraße 12, heute ein nettes Café mit attraktivem Kulturangebot.
Von Ulrich Gohl
Info: Man fährt mit der Stadtbahn U 6 oder U 13 bis zur Haltestelle "Wolfbusch" und geht dann links, nach Osten, in die Siedlung hinein. Der Hubertusplatz ist der unübersehbare Zentralplatz der Anlage; dort gibt`s auch einige Parkplätze.



