Stuttgart-Heumaden

Ein Hauch von Provinz und eine Prise Weltstadt

409 Meter über dem Meer (so steht es an der Wand der kleinen evangelischen Kirche mit dem spitzen Türmchen) und hoch über dem Dunst von Stuttgart City thront Heumaden. "Wahnsinn, das ist ja beinahe wie in der Toskana!", staunte unser Münchner Freund, als wir ihn zum ersten Mal an der besagten Kirche vorbei, über die Schwende auf die Höhe führten, um den Blick weit übers Neckartal, Uhlbach, Obertürkheim, Untertürkheim, den Rotenberg mit Grabkapelle und im blauen Dunst Kernen und den Schurwald zu genießen. "Tote Hose" war der lapidare Kommentar unserer Tochter, als wir vor zehn Jahren ins dörfliche Heumaden zogen. Und wirklich: Das lauteste Geräusch an einem Sonntagmorgen ist das Zwitschern der Vögel oder die Stimme unseres Nachbarn auf dem Balkon, der seinem Enkel die neuesten Fußballergebnisse vorträgt. Wochenlang hielt uns im letzten Frühling eine kleine Blaumeise auf Trab, die sich in den Kopf gesetzt hatte, ausgerechnet in unsere Hauswand ein Loch für den Nestbau zu klopfen. Aber Heumaden hat mehr zu bieten als wohltuende Stille: Es gibt noch Bäcker, mit eigener Backstube, die selber backen und nicht nur Halbfertigprodukte in den Ofen schieben. Mein Metzger, "Stuttgarts leckere Adresse", beherrscht sein Handwerk mit Perfektion, liefert höchste Qualität und kennt mich außerdem mit Namen. Die Lust am Handwerk ist bei ihm zu schmecken und beim samstäglichen Einkauf plaudern wir von Metzger zu Metzgerstochter über die Politik in Berlin und den Rostbraten am Sonntag. Auch bei Gerlindes Gemüsestand gibt es nicht nur frisches Obst und Gemüse, sondern auch die neuesten Neuigkeiten rund um Heumaden. In der Schlange wartend kann ich schon so das eine oder andere kritische Wort, aber auch Lob, über "die da in Berlin" zu hören bekommen.Mit unserem Labradormischling Bobo waren wir überall schnell bekannt, schneller als wir es früher im Stuttgarter Westen, Halbhöhenlage, waren.Hier wird schon mal vom Fliesenlegermeister Werkzeug verliehen, um eine Türöffnung zu stemmen. Jeder Fremde, der sich unserem Haus nähert, wird registriert, unbesorgt können wir in Urlaub fahren. Wenn der Briefträger vergeblich klingelt, nimmt die Nachbarin die Pakete entgegen und kein Weihnachten, kein Ostern und kein Geburtstag unserer Tochter vergehen, an dem sie nicht eine Kleinigkeit von ihren Ersatzomas geschenkt bekommt.Auch unsere diversen AustauschschülerInnen waren regelmäßig begeistert: Serge schrieb nach Hause nach Paris, wie sehr ihm das Stuttgarter Landleben gefalle und die Girls aus St. Louisfanden es cool, auch ohne Auto in Stuttgart voranzukommen und mit der U7 mitten in der guten Wohnstube von Stuttgart, dem Schlossplatz landen zu können, um shoppen zu gehen.Und Recht haben sie: Welche andere Großstadt kann schon mit acht Hügeln, Weinbergen bis mitten in die Stadt, einer Seilbahn und einer Zacke, und so viel Grün wie Stuttgart es hat, mithalten?!Meine Kolleginnen und Kollegen in Berlin sind immer wieder erstaunt von mir zu hören, dass Stuttgart zwar eine Auto- aber auch Kultur-, Sport- und Weinstadt ist, und Stadtteile hat, deren Namen auf der Zunge zergehen wie Zazenhausen oder Gablenberg, oder auch in die Irre führen: Denn weder Untertürkheim noch Obertürkheim wurden von den Türken gegründet und der Rotenberg ist auch kein roter, wenn dort auch Roter wächst, und der Rote Stich hat mit der Farbe der SPD auch nichts am Hut.

Stuttgart hat für mich beides: Den Hauch von Provinz und eine Prise Weltstadt. Vorausgesetzt, wir sind nicht zu bescheiden und gehen mit offenen Augen und Ohren durch unser Stuttgart.