Zum Gedenken an 434 Tote
Die Tafel am Kriegsgefangenenlager Gaisburg
Nein, ein Ort stillen Gedenkens ist die Brendle-Kreuzung am östlichen Rande Gaisburgs gewiss nicht. Und doch steht hier, umtost vom Verkehr am Rande einer kleinen Grünanlage, flankiert von einer riesigen Platane, seit dem Jahre 2002 eine bronzene Tafel, die an das hiesige Kriegsgefangenenlager und die "Katastrophe von Gaisburg" erinnert.Worum geht es? Im Februar 1934 richtete die gleichgeschaltete Stadtverwaltung auf einem ehemaligen Materiallagerplatz an der Ulmer Straße - rund 400 Meter von der Gedenktafel entfernt und heute innerhalb des Betriebsgeländes der NWS gelegen - ein Pflichtarbeitslager ein. In diesem "Plattenwerk Gaisburg" mussten Arbeitslose und politisch Missliebige unter strenger Aufsicht Betonplatten herstellen.
Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges machte die Stadt daraus ein vom Tiefbauamt verwaltetes Kriegsgefangenenlager. Die Lage außerhalb des besiedelten Gebietes schien günstig, Kontakte zwischen Insassen und Bevölkerung ließen sich hier leicht unterbinden. Doch die Nähe zu wichtigen Industrieanlagen wie Daimler und Gaswerk barg auch Gefahren...
Die hier eingesperrten Männer, zunächst vor allem Franzosen, waren als Arbeitskräfte, gerade auch bei der Stadt, äußerst begehrt, denn viele deutsche Männer standen ja an der Front. Und so arbeiteten die Gefangenen im Kraftwerk Münster, im Klärwerk, im Straßen- und Bunkerbau, auf Feldern, in Krankenhäusern, in zahllosen anderen Einrichtungen und Betrieben. Nach Beginn des Bombenkrieges wurden sie auch häufig zur Trümmerbeseitigung eingesetzt.
Im April 1941 lebten hier 1650 Gefangene, die meisten von ihnen Franzosen und Belgier. Im Frühjahr 1942 ließ die Verwaltung das Lager auf eine "Kapazität" von über 2000 erweitern, das so genannte "Russenlager" kam hinzu. Die Behandlung der in Gaisburg Einsitzenden war höchst unterschiedlich: Während sich die Verantwortlichen bei den Westeuropäern offenbar weit gehend an internationales Recht hielten, waren die Regeln bei den Russen deutlich drastischer und die Rationen kärglicher; Pressefotografen durften den französischen Teil ablichten, vom russischen Abschnitt existiert wohl kein einziges Foto.
In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1943 bombardierten 462 alliierte Flugzeuge erneut Stuttgart, und dieses Mal trafen sie auf Grund unglücklicher Umstände auch das Gaisburger Lager. Von den brennenden Baracken zogen Rauchgase in die völlig unzureichenden Bunker im Neckardamm, in die sich viele Gefangene geflüchtet hatten; die meisten von ihnen starben an Kohlenmonoxidvergiftung. Der nächste Morgen bot ein Bild des Grauens: Überlebende bargen die entstellten Leichen von 400 Kriegsgefangenen und drei Wachsoldaten; bei den Aufräumungsarbeiten wurden weitere Opfer entdeckt. An keinem Platz in Stuttgart kamen bei einem einzelnen Luftangriff mehr Menschen ums Leben. Die getöteten Franzosen und Belgier wurden auf dem Steinhaldenfeld-Friedhof mit militärischen Ehren bestattet, die Russen in Pappsäcken verpackt in einem dortigen Massengrab verscharrt.
Ein "guter Ort"? Ja, auch ein guter Ort, denn hier dokumentiert sich das Bedürfnis vieler Menschen, das tragische Geschehenen nicht zu vergessen. Dr. Elmar Blessing, Historiker und Lehrer von Beruf und Gaisburger aus Überzeugung, hat die Geschichte des Lagers erforscht, der Museumsverein Stuttgart-Ost MUSE-O hat ihn dabei stets unterstützt, und das Tiefbauamt der Stadt Stuttgart hat die Aufstellung der Gedenktafel bewerkstelligt.
Von Ulrich Gohl
Info: Von der Haltestelle "Brendle/Großmarkt" der Stadtbahnen U 4 und U 9 sind es nur wenige Schritte zu der Gedenktafel unter einer großen Platane.
Die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers Gaisburg und seiner Vorläufer ist dargestellt in dem Buch von Elmar Blessing: Die Kriegsgefangenen in Stuttgart. Das städtische Kriegsgefangenenlager in der Ulmer Straße und die "Katastrophe von Gaisburg". Stuttgart, 2. Aufl. 2001.



