Vielfalt im Feuerbacher Forst
Die "Waldkuppe Heukopf"
An diesem Mittag mag sich das Wetter nicht so recht entscheiden, ob es mai-gemäß freundlich oder doch eher regnerisch werden will; so bleibt es wolkig, dabei aber warm und trocken - feine Voraussetzungen also für einen erholsamen Waldspaziergang.
Gut, der erste Abschnitt parallel zur Feuerbacher Talstraße in südwestlicher Richtung bietet noch nicht das grandiose Naturerlebnis. Aber sobald man an der ersten Möglichkeit steil nach rechts oben abgebogen ist, bleibt der Verkehrslärm langsam zurück. Vogelgezwitscher und Insektengebrumm schieben sich in den Vordergrund, betörender Maiglöckchenduft steigt in die Nase. Einige Kleiber, auch Spechtmeisen genannt, klettern kopfauf, kopfab an Baumriesen und suchen in der Rinde nach schmackhaftem Getier.
Der zweite Weg links, nach der Spielwiese und der kleinen Holzhütte, bringt den Wanderer zum Fuße des 413 Meter hohen Heukopfes; darauf weist auch ein Holzschildchen hin: "Heukopfweg". Eichen unterschiedlichsten Alters bilden hier den Wald, zu denen sich - je nach Ausrichtung und Untergrund - Hainbuchen, Rotbuchen und Eschen gesellen: ein abwechslungsreiches Mosaik an Lebensräumen. Umgestürzte Stämme liegen, wo Wind und Wetter sie hingeworfen haben; die nicht zum Verkauf geeigneten Äste gefällter Bäume bleiben als ökologisch so wertvolles Totholz an Ort und Stelle, werden von Moosen überwachsen, von Larven ausgehöhlt, von holzzerstörenden Pilzen zerfressen und schließlich aufgelöst.
Bald erkennt man direkt am Wege, vor allem aber ein paar Meter bergan, die für das knapp fünf Hektar große "Flächenhafte Naturdenkmal" Nummer 110.1.1 so typischen Weißdorngebüsche, die gerade in schönster Blüte stehen. Vergißmeinnicht, Walderdbeeren und Zaunwicke blühen im Moment auf Lichtungen und an Wegrändern zusammen mit mindestens einem Dutzend weiterer Arten. Botaniker haben festgestellt, dass ein Zehntel aller hier vorkommenden Pflanzenspezies als selten und geschützt einzustufen ist, darunter Schönheiten wie die Prachtnelke, die Ästige Graslilie oder der Seidelbast.
Dort, wo der Wanderer einen trockenen Bachlauf quert, liegt der "Gipfel" genau nördlich des Weges, der nun in einem recht regelmäßigen Bogen unterhalb der Kuppe bleibt. Bald erkennt man links einen malerischen Tümpel - und fühlt sich von seltsamen Insekten geradezu überfallen. Myriaden ziemlich großer, schwarzer, träger Mücken, die im Fluge ihre langen Beine ganz typisch hängen lassen, führen ein faszinierendes Naturschauspiel auf; sie erheben sich in größeren oder kleineren Wolken und sinken wieder nieder - ins todbringende Wasser, auf saftige Gräser und den Pullover des Besuchers. Es handelt sich um harmlose Haarmücken der Gattung Bibio, deren Larven in unübersehbarer Menge im Waldboden leben und sich dort von moderndem Laub und Wurzeln ernähren.
Ein Fahrzeug der Forstverwaltung tuckert vorbei und erinnert daran, dass gerade dieser Wald der dauernden Pflege bedarf. Kein Urwald ist das hier, in dem die Natur sich selbst überlassen ist, vielmehr eine Kulturlandschaft, die erst durch die Eingriffe des Menschen ihre Vielgestaltigkeit erhalten hat - früher trieben Bauern ihr Vieh hierher, entnahmen Laub als Streu, heute gewinnt man hier wertvolle Hölzer.
Der nächste Abzweig ist leicht zu verpassen: Dort, wo links ein Wegstück steil abfällt, führt rechts ein enger Fußweg durch's Gebüsch - das ist der richtige. Nach rund 400 Metern kommt man zu einer Wegespinne und nimmt den rechtwinkelig nach rechts führenden, den "Sulzhäuslesweg", der den Heukopf nördlich umfaßt.
Ein Buntspecht fliegt in charakteristischen "Wellen" vorbei, läßt sich an einer alten Eiche nieder und klopft die Rinde nach Essbarem ab. Auch den selteneren Schwarzspecht haben Experten hier entdeckt, außerdem den ebenfalls raren Habicht, dazu die "üblichen" Waldvögel. Ein Tümpel am Weg mit seinen verwaschenen, nicht mehr sicher identifizierbaren Wildspuren verrät, dass sich auch größere Säugetiere in diesem Wald heimisch fühlen.
An der Wegkreuzung, an der dieser Rundweg seinen Ausgang genommen hatte, endet er wieder nach etwa einer Stunde. Ein brauner, hell gefleckter Laubfalter läßt sich auf einer Weißdornblüte nieder und scheint den Besucher zu verabschieden.
Von Ulrich Gohl
Info: Man nimmt den Bus Nummer 91 bis zur Haltestelle "Mähderklinge". Wer auf's Auto nicht verzichten mag, findet dort auch einige Parkplätze. Die Wanderung ist knapp fünf Kilometer lang.
(Diese Reportage erschien in leicht veränderter Form erstmals am 14. Mai 1999 in "Hier im Stuttgarter Norden", der Lokalbeilage von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten".)



