Ein Wengert unter Denkmalschutz


Der Cannstatter Zuckerberg

Stuttgart ist eine traditionsreiche Weinstadt, ohne jeden Zweifel. Viele der alten Weingärten jedoch wurden im Zuge von Rebflurbereinigungen bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Dies macht zwar den Weingärtnern die Arbeit leichter und trägt so dazu bei, die Rebhänge überhaupt zu erhalten, doch neben Lebensräumen für die charakteristischen Tiere und Pflanzen fallen solchen Großaktionen meist auch die einst mit viel Liebe erbauten Wengerthäusle zum Opfer.Wer von Cannstatt aus neckarabwärts fährt, sieht auf der Höhe von Münster am gegenüberliegenden Steilhang malerische Weinberge, denen dieses Schicksal erspart geblieben ist. Sie reichen bis fast an den Fluss heran, lassen nur Platz für die zweispurige, auch bei Radfahrern beliebte Hofener Straße. Sie gehören auf den Gemarkungen Bad Cannstatt und Hofen - als Flurstücke 6899/2 bis 6909, 6924 bis 6940 und 2151 bis 2169 - zu den Lagen Zuckerberg, Steinhalde und Halde, bei deren Klang nicht wenige Weinzähne genüsslich mit der Zunge schnalzen.Wohl schon kurz nach der Zeitenwende wuchsen hier Reben, lag doch in Sichtweite, auf dem Hallschlag, ein wichtiges Kastell der Römer, welche die Kunst der Traubensaftvergärung über die Alpen gebracht hatten. Eine Urkunde aus dem Jahre 708 beweist dann endlich schwarz auf weiß den Weinbau an dieser Stelle. Alte Flurkarten zeigen, dass der Zuschnitt der Grundstücke sowie die Art und Zahl der Abstufungen mindestens seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts weitgehend unverändert erhalten geblieben sind.Seit 2000 Jahren werkeln auf dieser hervorragenden Muschelkalklage also schon die Wengerter, bauen sich Hütten und Häusle als Unterstand und Materiallager. Heute steht gut ein Dutzend dieser Gebäude an dem stäffelesdurchzogenen, terrassierten, von Bruchsteinmauern gehaltenen Hang, teils in Fachwerk, teils in Massivbauweise errichtet.Das wohl älteste unter ihnen ist auf das Jahr 1740 datiert, hat also mehr als 250 Jahre auf dem moosigen Dach. Andere tragen aufwändigen Schmuck in Form von mehrfarbigen Backsteinornamenten, Stuckprofilen und weiteren feinen Details. Die neueren, von denen man teilweise sogar die Architekten kennt, geben sich dagegen eher schlicht und zweckbetont.Die Wengerthäusle waren nicht der einzige Grund, warum die Denkmalschützer die reizvolle Gegend unter ihre Fittiche nahmen. Extrem selten gewordene technische Denkmäler stehen hier außerdem: die Seilbahnen für den Material- und Traubentransport. Kräftige Eisenkonstruktionen halten die Seile, setzen zum Teil an der Horizontlinie markante Akzente. Einige der Anlagen versehen ihren Dienst seit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, mithin schon über 60 Jahre - rare Dokumente für die frühe Mechanisierung im Weinberg.

Von Ulrich Gohl

Info: Von der Haltestelle "Freibergstraße" der Stadtbahn U 14 genießt man einen schönen Blick auf den Weinberg; von der Haltestelle "Münster Rathaus" führt ein Fußgängersteg auf die "richtige" Neckarseite.

(Dieser Bericht stammt, leicht verändert, aus dem Buch "Gesichter ihrer Zeit ? Unbekannte Stuttgarter Bau- und Kulturdenkmale", das 1992 im Silberburg-Verlag erschienen ist.)