02.02.12

Die Vielfalt der Freiwilligendienst muss erhalten bleiben - Leserbrief zum Artikel "Freiwillige ticken anders als Zivis"

Lieber Mathias Bury,

zu Ihrem Artikel "Freiwillige ticken anders als Zivis" aus der StZ vom 25. Januar gestatten Sie mir einige Anmerkungen und Einschätzungen aus meiner politischen Arbeit, die Sie gerne als Leserbrief verwenden können.

Freiwilligendienste sind eine besondere Form des Bürgerschaftlichen Engagements. Die Bereitschaft, sich freiwillig zu engagieren, ist bei jungen Menschen ungebrochen. Es freut mich, dass der Bundesfreiwilligendienst (BFD) inzwischen auf große Resonanz stößt. Schade, dass nicht über die ebenfalls große Resonanz beim Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) und dem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) berichtet wird. Die Nachfrage nach dem FSJ ist kontinuierlich gewachsen, jeder FSJ-Platz hätte dreifach besetzt werden können. Im September 2011 kamen auf ca. 40.000 FSJler lediglich ca. 13.000 BFDler. Wobei die FÖJler hier noch nicht eingerechnet sind.

Auch ältere Menschen sind für freiwilliges Engagement zu gewinnen. Sie können und wollen sich zeitlich jedoch nicht so einbringen wie Junge. Das Programm "Freiwilligendienste aller Generationen", das noch von Renate Schmidt auf den Weg gebracht wurde, hat diesen besonderen Ansprüchen Rechnung getragen. Der Freiwilligendienst aller Generationen ist 2011 leider ausgelaufen, eine Anschlussfinanzierung ist nicht gesichert. Vom Wegfall des Freiwilligendienstes aller Generationen sind zahlreiche Projekte, darunter auch die Stuttgarter Demografielotsen, betroffen. Langfristig soll der Freiwilligendienst aller Generationen in den Bundesfreiwilligendienst integriert werden. Für die Zielgruppe der Senioren wäre das jedoch eine schlechte Lösung: War die Mindeststundenzahl früher bei 8 Wochenstunden würde sie im BFD auf mindestens 20 ansteigen. Das ist mehr Zeit, als viele Ältere aufbringen möchten und können.

Durch den Wegfall des Zivildienstes wurde überstürzt der Bundesfreiwilligendienst auf den Weg gebracht. Es wurde eine Doppelstruktur geschaffen, die bei Trägern wie Freiwilligen zu Verwirrung geführt hat. Viele Fragen waren bei der Einführung offen. Es wäre eine deutlich größere Vorlaufzeit nötig gewesen. Eines der größten Hemmnisse, die Frage nach der Zahlung des Kindergeldes, ist zwischenzeitlich geklärt. Analog zu FSJ und FÖJ wird auch im Bundesfreiwilligendienst Kindergeld bezahlt. Die vorliegenden Zahlen, ein Anstieg von 13.000 auf 30.000 Freiwilligen im BFD in lediglich drei Monaten, gehen auch auf das massive Eingreifen des Familienministeriums zurück. Die Träger wurden unter Druck gesetzt, BFD-Plätze zu Lasten von FSJ und FÖJ zu schaffen. Die Bezuschussung von FSJ und FÖJ wurde an den Bundesfreiwilligendienst gekoppelt. Fördermittel wurden nur dann in Aussicht gestellt, wenn eine bestimmte Anzahl an BFD-Plätzen vermittelt wurde. Stellenweise mussten, um vorgegebene Quoten zu erreichen, bestehende FSJ-Verträge in BFD-Verträge umgewidmet werden. Dieses Vorgehen wurde von vielen Einsatzstellen und Trägern vor Ort, mit denen ich in Kontakt stehe, als Einmischung und Kontrolle empfunden. Insbesondere das Verhalten des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BafzA) wurde immer wieder als staatliche Gängelung kritisiert. Die Schaffung des BafzA nährt die Befürchtung, dass FSJ und FÖJ langfristig dem Bundesfreiwilligendienst geopfert werden sollen. Dass viele Träger und Einsatzstellen dennoch eingelenkt haben und dem Kurs des Ministeriums gefolgt sind, liegt an der Furcht vor Verwerfungen mit dem Ministerium. Immerhin wird dort über Projektanträge und Fördergelder entschieden.

Bei den Anhörungen im Bundestag wurde deutlich, dass die Träger einen Ersatz für die Zivildienstleistenden brauchen. Sie wünschen sich einen Ausbau von FSJ und FÖJ mit der Unterstützung des Bundes. Auch ich ziehe einen Freiwilligendienst, der von Wohlfahrtsverbänden, kulturellen Einrichtungen etc. selbst angeboten wird, einem staatlich gesteuerten Dienst vor. Nur so kann die Vielfalt bei den Freiwilligendiensten erhalten bleiben. Gleichzeitig brauchen wir ein gemeinsames Dach und vergleichbare Standards für alle Dienste. Freiwillige müssen zu gleichen Bedingungen ihren Dienst ableisten können und Einsatzstellen und Träger dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beides ist momentan nicht gewährleistet. Das kann dazu führen, dass freiwilliges Engagement abgewürgt wird.

Am 27. Februar 2012 werden wir in der SPD-Fraktion bei einem Hearing mit den Trägern die aktuellen Entwicklungen beleuchten. Es geht uns um eine aktuelle Bestandsaufnahme und wir werden ebenfalls erörtern, wo gesetzlich nachgesteuert werden muss und wie die Finanzierung auf Dauer gesichert werden kann.

Mit freundlichen Grüßen
Ute Kumpf, MdB

stv. Vorsitzende Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement des Deutschen Bundestages